Weihnachtskolumne 2010 – Fortschritt – einmal anders betrachtet! Welcher Werte wir uns entledigen, indem wir fortschreiten und was wir davon zu spüren bekommen…

Oft hört man die Leute sagen: “Schön, dass wir in einer so fortschrittlichen
Gesellschaft leben.” Teilweise liegt in dieser Aussage etwas Paradoxes, zumindest
wenn ich eine Zeit lang darüber nachsinne. Leidet die Gesellschaft im Wortsinne
doch an der einen oder anderen Stelle gewissermaßen unter dem Fortschritt im
technischen Sinne. So werden wir häufig ins Raster sogenannter fortschrittlicher
Systeme gepresst, und sollten wir in irgendeiner Weise speziell sein, was wir
zweifelsohne alle sind, denn jeden von uns gibt es so einmalig nur ein mal, dann
passen wir eben nicht ins System und was uns so einmalig macht wird kurzer Hand
vernachlässigt. Das kann mich von Zeit zu Zeit sehr erzürnen. Da kommt dieser
Fortschritt einfach daher, stülpt uns seine Form über und wenn sie nicht passt,
schlägt er einfach so lang obendrauf, bis das Ding sitzt. Wir werden also mittels des
Fortschritts unserer Individualität beraubt!
Der Fortschritt im medizinischen Sinne, kann uns gar, wenn wir schwerkrank und
alt sind, des Rechtes zu sterben entledigen. Wenn wir also nicht schriftlich
vorgesorgt haben, teilweise auch trotzdem, kann uns der Fortschritt hier im Leben
behalten, obwohl wir selbst unser Leben gelebt haben und in gewisser Weise des
Lebens müde sind, weil wir es vielleicht nicht mehr so leben können wie wir gern
würden. Manch ein alter Mensch plant gar seinen Tod voraus und möchte wohl
kaum von einer fortschrittlichen Maschine daran gehindert werden. Erst kürzlich
bin ich persönlich Reinhard Tausch, einem bekannten deutschen Psychologen
begegnet. Er stellte sich mir mit den Worten “Ich bin 89 Jahre alt und mit 99 werde
ich sterben” vor. In Anbetracht seiner körperlichen Verfassung und seiner bis heute
aktiven Tätigkeit in Forschung und Bildung wäre mir nicht im geringsten der
Gedanke gekommen, dieser Mensch könne seinen Tod planen. Aber er war eben
immer aktiv und hat seine Zeit genutzt, er hat sein Leben nie verschwendet und ist
sich heute noch immer treu. Sein Leben ist quasi erfüllt und somit hat er keine
Furcht vor dem endgültigen Fortschritt.
Die meisten Kinobesucher schreiten bereits aus dem Kino fort, bevor der Abspann
mit den Machern des Filmes überhaupt begonnen hat. Das ist doch ehrlich gesagt
arg traurig, dass jenen die einem den schönen Abend überhaupt erst ermöglicht
haben, nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man hat ja dafür
bezahlt, oder? Und während alle schon vor dem Abspann fortschreiten, geben sie so
mir nichts dir nichts den Wert des Schätzens der Schaffung durch andere auf. Ohne
ein schlechtes Gewissen, man hat ja dafür bezahlt? Geld jedoch ist ein
Zahlungsmittel und kein Ersatz für Wertschätzung. Man kann einem Menschen so
viel Geld wie möglich zahlen, es wird nie dazu führen, dass dieser dies als echte, ehrliche Wertschätzung seiner Leistung empfindet. Nimmt man sich Zeit, hat ein
offenes Ohr, zeigt Verständnis kommt es zu echter Wertschätzung einer Person und
ihrer Leistung. Merke also Wertschätzung kann man nicht überweisen, aber sehr
wohl erweisen.
Andere wiederum erfahren den Fortschritt im Sinne von Abtritt. Sie werden quasi
fortgeschritten. Ich erinnere mich hier speziell an die Herren Horst Köhler, Thilo
Sarrazin und Ole von Beust. Da hat man mal keine so geliebten dressierten Affen
ohne eigene Meinung und schon macht sich Empörung breit. Was denken sich diese
Herren so offenkundig eine eigene Meinung zu manifestieren. Doch statt sich zum
Affen machen zu lassen und sich zu entschuldigen, stehen diese Männer zu ihrer
Meinung, ja geben dafür begehrte Posten auf, aber gewonnen haben letztlich nur sie
selbst und nicht die anderen. Gewonnen haben sie an Freiheit und Bewahrung ihrer
Werte, ja schlussendlich haben sie sich selbst bewahrt. Frei nach dem Motto: „Hier
steh ich wie ich bin, nehmt mich so sonst zieh ich hin“
Da gibt es ganz andere Zeitgenossen unter uns, welche, so scheint mir, entweder
keine Spiegel besitzen oder diese zugehangen haben müssen. Ich persönlich würde
mich in jedem Falle allmorgendlich beim Blick in den Spiegel erschrecken, wenn mir
eine Affe ohne eigene Werte, ja eine Person die sich selbst verraten hat,
entgegenblicken würde. Manch ein Zeitgenosse scheint mir eher wenig schreckhaft
zu sein!
Bei all dem Fortschritt der uns heute so umgibt, holt uns die Realität
glücklicherweise in Form von unbeherrschbarem Schneechaos, schrecklichen
Erdbeben und unerwartet versterbenden Berühmtheiten immer mal wieder ein, um
uns mitzuteilen: “Hallo kleines Menschenwesen, lebe ehrlich und ehrfürchtig, du
kannst in den Weltraum fliegen, was aber nicht gleichermaßen bedeutet, dass Du
aller irdischen Gegebenheiten mächtig bist. Schätze das Leben und überschätze dich
nicht.”
Nun möchte ich hier nicht vermitteln, dass Fortschritt ausschließlich negativ sei.
Man solle nur bedenken, bevor man fortschreitet, was man da gerade tut oder
welche Folgen sich daraus ergeben könnten. Nicht zögern mit dem Fortschritt,
nicht zweifeln, nur einen kurzen Augenblick dazu verwenden positive und
negative Endsituationen zu skizzieren. Fortschritt bedeutete zu allen Zeiten auch
immer die Gefahr eines negativen Endergebnisses. Man sei sich dieses Risikos
einfach nur allgegenwärtig bewusst. Vor allem Fortschritt muss immer der Erhalt
unserer eigenen Werte als bleibender Bestand stehen, denn sie sind naturgegeben.
Ohne sie ist aller Fortschritt im Wortsinne wertlos. Ernst Probst schreibt dazu: “Wo
ständig reformiert wird, drängt sich der Verdacht auf, dass dort nie etwas
Bleibendes geschaffen wurde.”
Nutzen wir die Zeit der Ruhe am Jahresende wieder einmal, um uns unserer Werte
Gewahr zu werden, sie uns wieder bewusst zu machen. Vielleicht finden sich gar
Wege für Synergien aus Werten und Fortschritt. Wer weiß, gehen wir doch einfach
wieder einmal auf eine gedankliche Entdeckungsreise. Mögen viele Entdeckungen auf Euch warten, nehmt sie als Geschenk. Sie sind kostenlos und gleichwohl, gepaart
mit unser Werten das kostbarste menschliche Gut. Dazu verwendet, wieder mehr
zu den Menschen zu kommen statt zu den Dingen sind sie unersetzlicher
Bestandteil des Menschseins und werden es für alle Zeiten bleiben.
Ich wünsche uns allen ein besinnliches Weihnachtsfest mit unseren Familien, einen
guten Rutsch ins neue Jahr und ein werteorientiertes, bewusst fortschrittliches 2011.

Raik im Dezember 2010

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